Maratona dles Dolomites 2011

 

Erlebnisbericht Maratona dles Dolomites 2011

 

Anreise und der Tag vor dem Rennen

Das Ereignis Maratona dles Dolomites, also der Dolomitenmarathon, liegt nun schon einige Tage zurück. Da ich immer noch eine Gänsehaut bekomme, wenn ich daran zurück denke, lohnt es sich in jedem Fall, an dieser Stelle mal darüber zu berichten. Also los!

Der Maratona fand in diesem Jahr bereits zum 25. Mal statt. Mehr als 20.000 Bewerber gab es für die Veranstaltung, lediglich 9.300 bekamen einen Startplatz. Das heißt die Chancen sind nicht besonders hoch. Die Eckdaten der Strecke sind folgende: 138 km, 4190 Höhenmeter, 9 Dolomitenpässe. Sicher, man kann auch zwei kürzere Runden fahren (55km/1780hm und 106km/3090hm), aber mein Ziel war ganz klar die große Runde.

Aus diesem Grund meldete ich mich über das Rennrad-News-Forum beim Münchner Jedermannteam "Liberalitas bavarica" an, in der Hoffnung, dass eine große Gruppe bessere Chancen bei der Verlosung der Startplätze hat. Der Plan ging auf und so war bereits im November 2010 klar, dass ich einen Startplatz habe. Das war natürlich eine tolle Trainingsmotivation. Also wurden im Winter unzählige Stunden auf der Rolle im Wohnzimmer trainiert, dick eingepackt im Freien geradelt und sogar ein paar Langlaufski organisiert, um damit zu trainieren (letzteres ist sehr zu empfehlen!!!).

Die Anmeldeformalitäten sowie die Buchung der Unterkünfte übernahm dankenswerter Weise Roland, der Organisator des Teams. Das vereinfachte den Aufwand erheblich, da es nicht ganz einfach ist, eine Unterkunft für wenige Tage zu bekommen. Aber das funktionierte alles PRIMA!!! Vielen Dank Roland!

Nach vielen, vielen Trainingskilometern, welche auch ein deutlich reduziertes Körpergewicht zur Folge hatten, fühlte ich mich Anfang Juli dann schon recht fit und hatte noch einen Radmarathon und eine lange Gruppenausfahrt geplant, als mich eine lästige Erkältung erwischte. Das warf meinen Trainingsplan über den Haufen und man denkt sich nur noch: "Hoffentlich wirst du noch rechtzeitig wieder gesund". Das Training wurde zurück geschraubt, um sich richtig zu erholen. Das funktionierte zwar, aber ein schlechtes Gefühl ob der fehlenden Einheiten verblieb in meinem Kopf. Aber es half nichts, die Vorbereitung musste nun ausreichen.

Am Freitag machte ich mich dann auf den Weg gen Süden. Der Plan war ursprünglich, dass Claudia mich begleitet. Leider hatte sie für ihr Studium noch ein Pflichtpraktikum zu absolvieren, deshalb musste sie zu Hause bleiben. Um nicht allein den weiten Weg zu fahren, suchte ich mir noch einen Mitfahrer, welchen ich dann in Karlsruhe einsammelte. Wenn zwei Radverrückte in einem Auto sitzen, wird die Zeit nicht lang. Und so erreichten wir am späten Nachmittag Corvara in den Dolomiten, wo ich meinen Mitfahrer an seinem Quartier absetzte. Ich selbst hatte ein Zimmer in Colfosco, etwas oberhalb von Corvara, im Garni Armonia:

Wohl eine typische Unterkunft für die Region: das Haus und die Ausstattung schon etwas älter, aber absolut sauber, zweckdienlich und mit sehr netten Gastgebern. Das Zimmer teilte ich mir mit Hans, den ich bis dahin noch nicht kannte. Auch er hatte sich über das Team angemeldet und so kam es, dass wir in einem Zimmer landeten.

Ein Blick vom Balkon brachte folgenden Ausblick:

Direkt gegenüber befindet sich das Garni Reutlingen, eine etwas modernere Unterkunft mit mindestens genauso netten Gastgebern. Hier waren viele vom Team untergebracht und auch der Organisator Roland, den ich so zum ersten mal persönlich kennen lernte.

Am Abend trafen sich dann etwa 20 Leute zum Abendessen, gemeinsam gingen wir ein paar Häuser weiter in eines der Restaurants. Da sich nur wenige bereits kannten gab es viel zu erzählen. Wo kommt man her, wie oft ist man den Maratona schon gefahren, ach auch ein Ersttäter... usw. usf. Nach dem Essen wurden die Startunterlagen und die Taschen mit dem Sponsorenmaterial verteilt. Viel Papier und Kleinkram, ein buntes Trikot in recht guter Qualität, ein Halstuch usw.

Zurück in der Unterkunft ging ziemlich schnell das Licht aus, die lange Fahrt war doch etwas ermüdent gewesen.

Gut ausgeschlafen erwachten wir und machten uns über das Frühstück her. Es war gut und ausreichend, ich hatte keinen Hotelstandard erwartet, aber der Kakao war ganz hervorragend!!! Nach dem Frühstück machte ich einen kleinen Rundgang durch Colfosco, um zu schauen ob es einen Laden gibt um noch stilles Mineralwasser zu kaufen.

Was soll ich sagen, diese Landschaft ist einfach fantastisch!!! Man ist umgeben von Bergstöcken, wo man hinschaut Felsen, Wälder und grüne Bergwiesen.

Gegen 10 Uhr wollte sich eine große Gruppe vor dem Garni Reutlingen treffen, um gemeinsam eine kleine Runde zum Einrollen zu drehen. Ich war schon um 9 Uhr fertig angezogen und prüfte noch mal mein Rad, die Bremsen, Schaltung, Reifen usw. Ich war heiß auf Bewegung, die Beine wollten endlich was zu tun bekommen! Also einfach schon mal bisschen die Straße hoch gefahren, wieder runter, so verging die Zeit auch. Und so langsam sammelten sich die ersten Radler...

... also hin und erst mal ne Runde quatschen, Räder bestaunen, Bekannte treffen die man bisher nur virtuell kennen gelernt hatte.

Irgendwann machten wir uns dann auf den Weg, erstes Ziel war der Passo Campolongo, welcher am nächsten Tag auch der erste Anstieg des Rennens war.

Alle fuhren gemütlich, quatschten, machten Bilder und genossen einfach das tolle Wetter und die Aussicht.

Oben angekommen wurde gewartet bis alle da waren. Ich sah die aus der Heimat bekannten hellblauen Trikots vom Team-Delta-Bike. Also kurz mal bisschen geredet und sich zum Abschied viel Spaß und Glück für den nächsten Tag gewünscht.

Auf dem Rückweg nach Corvara spürte man schon die aufgeladene Atmosphäre, überall Radfahrer, die meisten gut trainiert und voller Vorfreude auf den nächsten Tag.

Von Corvara ging es wieder hinauf nach Colfosco und gleich weiter zum Passo di Gardena, dem Grödnerjoch. Es hieß, da oben gäbe es einen herrlichen Ausblick und vor allem eine Reihe Liegestühle um diesen auch entspannt genießen zu können.

Gesagt getan, die paar Kehren waren schnell erklommen und oben sammelten sich alle an den Liegestühlen.

Die Pause wurde ausgedehnt, wir hatten ja alle Zeit. Es wurde gegessen, getrunken und gequatscht. Auch hier spürte man allen die Vorfreude an. Ich nutzte die Gelegenheit noch ein paar schöne Bilder zu machen:

Reicht erst mal, oder? ... NEIN, eins hab ich noch. Mein Lieblingsbild:

Find ich genial. Hätte man so wohl auch schon vor 50 Jahren machen können. Grad in Colfosco sah man noch einige dieser tollen, alten Fiat Cinquecento in erstklassigem Zustand.

Am Nachmittag wurde nochmal das Rad gepflegt, die Kette frisch gereinigt und geölt. Die Luftpumpe kam noch mal zum Einsatz. Alles sollte perfekt funktionieren!

Abends schloss ich mich wieder der Gruppe an, die zum Essen ging, diesmal in eine Pizzeria. Wieder viele neue Gesichter und jede Menge nette Gespräche. Ich wollte früh ins Bett, denn die Nacht sollte zeitig enden. Also wurden noch die Klamotten zurecht gelegt, die Startnummer am Trikot befestigt, und alles was ging vorbereitet.

 

 

DER RENNTAG

Der Wecker klingelte um 4 Uhr in der Nacht .... ich war schon 5 Minuten vorher wach!

Hans war auch schon munter, ein Blick aus dem Fenster zeigte erste Zeichen von Tageslicht am Himmel. Ab ins Bad, angezogen und nochmal raus auf den Balkon, überall in den umliegenden Unterkünften gingen so langsam die Lichter an. Das Thermometer zeigte 12°C an, gefühlt war es wärmer.

Ab 4:30 Uhr sollte es Frühstück geben, ich wollte erst mal richtig munter werden und den Kreislauf in Schwung bringen, weshalb ich einen kleinen Spaziergang machte. Herrlich diese Ruhe am Morgen. Hier und da klingelte ein Wecker, immer mehr Lichter gingen an. Der Himmel wechselte von leichtem grau in violett, es wurde ganz langsam Tag.

Im Frühstücksraum war ich dann nicht der erste, was aber fehlte waren die Brötchen. Die Gastgeber waren ganz aufgeregt und entschuldigten sich mehrfach. Es stand aber auch frischer, selbst gebackener Kuchen auf dem Buffet. Das Brot von gestern kam noch mal auf den Tisch, bevor dann irgendwann auch der Bäcker den Weg zu uns fand. Alles kein Problem! Noch ein kleiner Rundgang, dann rein in die Klamotten. Inzwischen zeigte das Thermometer 14°C an, es wurde also schon langsam warm.

Mit Knielingen, Armlingen und Windweste bewaffnet wurden die Räder auf die Straße geschoben, von weiter oben kamen immer mehr Radfahrer angeschossen.

Am kuriosesten waren die Italiener, die sich als Schutz vor der Kälte in weiße Einweganzüge verpackt hatten, wie sie z.B. von Malern genutzt werden. Die flatterten dann natürlich herrlich im Wind und sahen zudem urkomisch aus. Wie ein Michelinmännchen auf dem Rannrad kamen die angefahren. Hab leider kein schönes Bild machen können, die waren zu schnell.

Zusammen mit Hans und Stefan machten wir uns auf den Weg ins Tal. Von allen Seiten strömten weitere Fahrer auf die Straße, in Corvara gab es den ersten Stau.

Der Start befand sich in La Villa, gleich am Ortseingang waren die jeweiligen Startblöcke ausgeschildert und Ordner sorgten dafür, dass man sich richtig einordnete. Ich habe noch nie sooo viele Radfahrer auf einem Haufen gesehen und es wurden immer mehr!

Da dies meine erste Teilnahme war, wurde ich dem Vierten und damit letzten Startblock zugeordnet. Für den Dritten benötigte man eine Zeit aus dem Vorjahr von weniger als 8 Stunden, für den Zweiten weniger als 6 Stunden. Im ersten Startblock stand man mit weniger als 5 h 30 min oder als Promi, wenn ich mich richtig erinnere. Aber alles egal, ich stand nun in der Mitte vom letzten Block. Um mich rum eine Menge Italiener, alle bunt gekleidet, mit teuren Rädern (zumeist italienischer Herkunft) bewaffnet und frisch rasierten, sonnengebräunten Waden. Ach ja, auf dem Bild sieht man auch einen dieser weißen Einweganzüge. 

Durch die Lautsprecher wurden die Leute in Stimmung gebracht, Hubschrauber flogen über unsere Köpfe und filmten die Menschenmassen.

Die ersten Sonnenstrahlen ließen die Bergspitzen aufleuchten, kaum eine Wolke am Himmel. Es würde warm werden, soviel war klar.

Pünktlich um 6:30 Uhr fiel der Startschuss, den wir aber nur über den Lautsprecher hörten.

So muss es dort vorn ausgesehen haben.


(Sportograf Foto)

Überall klickten die Pedale... aber es bewegte sich noch nichts. Nach einigen Minuten rollten wir an, es ging vielleicht 500 m durch den Ort, dann standen wir auch schon wieder.

Viele nutzten die Gelegenheit um noch mal in den Büschen zu verschwinden. Ich versuchte mich irgendwie warm zu halten, so mitten im Tal war es doch ein wenig schattig. Aber das sollte sich bald ändern.

Gegen 6:51 Uhr rollten wir wieder an und langsam ging es in Richtung Startlinie. Dort angekommen war es dann sicher kurz vor 7 Uhr. Ich hab also fast ne halbe Stunde gebraucht um von der Mitte des letzten Startblocks zum Start zu kommen.


(Sportograf Foto)

Und schon ging es los. Durch das Tal zieht sich die Straße erst einmal wieder leicht ansteigend hinauf nach Corvara. Die Beine wollen sofort richtig draufdrücken, aber die Masse an Radfahrern verhindert das und der Kopf sagt "Locker bleiben!!!"

Irgendwo sprang ein Fotograf auf der Strecke herum und versuchte so viele Leute wie möglich zu fotografieren, mich hat er erwischt.


(Sportograf Foto)

Durch Corvara hindurch standen die ersten Zuschauer an der Strecke, aber noch eher verhalten. Schon im Ort zog die Steigung an und es ging hinein in die Auffahrt zum Passo Campolongo. 353 hm auf 5,8 km ergeben eine Durchschnitssteigung von 6,1 %, der Pass liegt bei 1875 m über dem Meer.

Alles gut fahrbar, immer mitten in der Masse. Mal links vorbei, mal rechts vorbei, mal mittendurch, je nachdem wie halt Platz war. Über unsere Köpfe flog der Kamerahubschrauber, alle Winkten nach oben. Für die Italiener ist diese Veranstaltung echt ein riesen Ding. Dieses Hobbyrennen wird 6 Stunden live im TV übertragen. In Deutschland für den Hobbybereich derzeit unvorstellbar!!!

Schnell war der Pass erreicht und damit auch die erste Verpflegungsstelle, hier "Labe" genannt. Brauchte ich noch nicht, außerdem standen hier auch schon Unmengen Menschen, da wäre kaum ein Durchkommen gewesen.

Unglaublich wie viele bereits auf dem ersten Pass am "Pumpen" sind. Das heißt die fuhren schon sehr unrythmisch und nach Luft ringend. Da konnte man nur hoffen, dass die nur die kleine Runde fahren wollten.

Also nur fix die Weste wieder geschlossen und rein in die erste Abfahrt hinunter nach Arraba. Ist schon was anderes so eine Abfahrt auf einer für Autos gesperrten Strecke. Richtig flüssig lief es aber trotzdem noch nicht. Zum einen musste ich mich erst mal dran gewöhnen, so viele Serpentinen zu fahren, zum anderen gab es viele, die zu überholen waren und noch mehr die rechts und links vorbei geschossen kamen. Auffallend waren auch sehr viele Radler, die anhalten mussten, um einen platten Reifen zu reparieren.

In Arraba ging es dann gleich rechts weg und hinein in den Passo Pordoi. 638 hm auf 9,2 km mit 6,9 %, die Passhöhe liegt auf 2239 m. Schon ein wenig anspruchsvoller. Immer noch viele Menschen, aber man konnte recht flüssig fahren. Eigentlich ähnlich wie am ersten Berg, mal links, mal rechts und zack war man oben. Im Kopf immer der Spruch: "Locker bleiben", denn ich hatte zuvor viele Berichte gelesen, in denen es immer hieß, "die erste Runde war ich viel zu schnell, deshalb bin ich dann am Giau gestorben". Da hatte ich ja keine Lust drauf.

Die Abfahrt vom Passo Pordoi war auch noch recht voll, ging dann aber schon wesentlich besser.


(Sportograf Foto)

Als nächstes stand der Passo Sella auf dem Programm. 436 hm auf 5,5 km mit 7,9 %, die Passhöhe liegt auf 2244 m. Etwas steiler, aber dafür nicht ganz so lang.

Im Anstieg gab es noch eine Labestation, hier stand auch eine Horde Trommler in wilden Kostümen und machten Stimmung. Dieses kleine Filmchen meiner Lenkerkamera gibt das ein wenig wieder. Was man aber gut erkennt, sind die Massen an Fahrern, die sich den Berg hinauf quälen.

Ich bin nicht ganz sicher, wo die Sportografen überall gestanden haben, deshalb kann es gut sein, dass ich das eine oder andere Foto nicht an der richtigen Stelle einsortiere.


(Sportograf Foto)

Die Abfahrt habe ich recht schattig in Erinnerung, lief aber gut und so langsam hatte man auch Platz, die Kurven etwas auszufahren. Immer mal wieder das Kreischen der Bremsbeläge auf den Carbonfelgen der anderen in den Ohren, ging es hinunter. Ich war froh über meine Kleiderwahl. Berghoch nicht zu warm und in den schattigen Stücken bergab nicht zu kalt.

Um die Sella Runde abzuschließen fehlte nur noch der Passo Gardena, also das Grödnerjoch. Niedliche 250 hm auf 5,8 km mit 4,3 %, die Passhöhe liegt auf 2121 m. Die Durchschnittssteigung wird aber wohl durch ein Flachstück etwas abgemildert, es ging da schon auch etwas strammer gen Himmel.

Bis zur Passhöhe am Grödnerjoch benötigte ich eine Zeit von knapp 2 h 42 min und lag irgendwo um Platz 2500. Schon verrückt! War nicht so, als hätte ich an den Bergen nicht auch ne Menge Leute überholt. Aber ich wollte locker fahren und tat dies auch.

Hinunter nach Corvara benötigte ich ca. 15 Minuten und verlor über 100 Plätze. Das lag aber auch daran, dass unsere Unterkunft in Colfosco direkt an der Strecke lag und ich kurz am Auto anhielt, um Wasser aufzufüllen und meine überflüssigen Klamotten (also Armlinge und Knielinge) loszuwerden. Das war sehr praktisch, denn so musste ich nicht alles über den Rest der Strecke schleppen und konnte die ersten Verpflegungsstellen auslassen.

Eine der Serpentinen nach einem recht schnellen Stück bremste ich etwas zu hart an und blieb zu lang auf der hinteren Bremse als ich schon einlenken musste. Prompt versuchte mich mein Hinterrad blockierend zu überholen. Keine gute Idee dachte ich mir spontan und machte die Bremse sofort wieder auf. Schöner Schreck!!!

In Corvara konnten dann die ersten ins Ziel einbiegen, die kurze Runde war hier beendet. Einige taten dies auch, die Masse fuhr aber weiter in Richtung zweiter Auffahrt zum Campolongo.

Die zweite Auffahrt wurde nun schon von deutlich mehr Zuschauern bejubelt. Ich fühlte mich nach wie vor gut und versuchte nun ein wenig schneller zu fahren. Aber immer noch kontrolliert, zu groß war mein Respekt vorm Berg der Berge, dem GIAU!!! Er kam immer näher!

Ich hatte eine Zeit von gut 26 Minuten für den Anstieg und konnte einige überholen. Ein Teil von denen fuhr auch in der nächsten Abfahrt wieder an mir vorbei. Ich wollte ankommen und für höheres Risiko war ich nicht geübt genug im Abfahren. Da muss man echt mal was tun. Ist auch nur Fahrtechnik!

Die Abfahrt nach Arraba war nun schon bekannt und rollte sehr gut. Es wurde immer mehr Platz, wobei man nun auf die unzähligen Gegenstände achten musste, die auf der Fahrbahn herumlagen. Luftpumpen, Brillen, Windjacken, Armlinge, Schlauchtäschchen, Trinkflaschen usw...! Vieles davon wurde wohl eingesammelt und man konnte versuchen, es sich im Ziel in einer Art Fundbüro zurück zu holen.

In Arraba bog die Strecke nun nach links ab und es ging weiter hinunter. Hier hieß es dann eine Gruppe finden. Die Abfahrt geht in das einzige "Flachstück" der Strecke über und da war es sinnvoll nicht alleine im Wind zu fahren. Um mich herum fanden sich 5 bis 6 Fahrer zusammen und wir wechselten uns recht gut ab. Im vollen Tempo rauschten wir durch die Orte durch, überall Zuschauer an den Straßen. Ich hoffte nur das sie am Rand stehen bleiben würden.

Am Anstieg nach Cernadoi (88 hm) teilte sich die Strecke auf und man konnte auf die 106 km Runde abbiegen, also direkt zum Passo Falzarego fahren. Kam für mich nicht in Frage, ich wollte das volle Programm.

Meine Flaschen wurden langsam immer leerer und die Sonne wärmte schon recht ordentlich. Hinunter nach Rucavà und dann hinein in den Anstieg zum Colle Sante Lucia. 173 hm auf 2,3 km mit 7,5 %, hinauf bis auf 1484 m.

Hier war die wichtigste Verpflegunsstation, denn es galt Wasser tanken für den Passo Giau. Also rein ins Gewühle. Hier ein Stück Kuchen, da eine Waffel, ein Becher Cola geht auch mal, warum nicht. Ganz am Ende große Flaschen Mineralwasser ohne Sprudel. Was war ich froh! Beide Flaschen gefüllt und weiter gings. 170 hm wieder hinunter nach Selva die Cadore. Durchfahrtszeit ca. 4 h 18 min. Unglaublich das die schnellsten auf der großen Runde jetzt schon fast im Ziel waren. Ich lag nun auf Platz 2346.

Und dann war er da, der PASSO GIAU!!! 922 hm auf 9,9 km mit 9,3 %, die Passhöhe liegt bei 2236 m!

Das ist kein Kindergarten mehr, wenn man sich nicht ein paar Körner aufgehoben hatte.

Und viele hatten das definitiv nicht. Schon nach wenigen Kilometern stiegen einige ab. Dazu kam die Sonne, die recht heftig auf die Köpfe der Fahrer prasselte. Immer wieder lagen einige am Rand im Schatten und ruhten sich aus. Andere standen mit dem Kopf auf dem Lenker da und sahen nicht gut aus.

Ich schaltete gleich unten in den ersten Gang (34/28) und begann gleichmäßig zu Kurbeln. Nützt ja nix, dachte ich mir, du musst da jetzt hoch. Ein kräftiger Wind schob von hinten, das machte es ein klein wenig leichter. Warm war es trotzdem sehr. Also immer wieder die Flasche zur Hand, einen kleinen Schluck getrunken und das mindestens alle 5 bis 10 Minuten. Ich überholte immer mehr Fahrer, einige waren unten auch noch schneller unterwegs. Mag sein, dass man die oben wieder überholt hat, aber dafür waren es viel zu viele Menschen, um das zu beurteilen.

Wenn die vielen Italiener in den Anstiegen zuvor noch alle fleißig am Telefonieren, Reden und Gestikulieren waren, so kehrte nun doch recht schnell Ruhe ein. Jeder hatte da sein eigenes Kopfkino, bei vielen gingen die Lichter auch schon vorzeitig aus .

Ich konnte meinen Rythmus halten, freute mich über den Schatten von einigen kleinen Galerien und versuchte die Kurven konsequent ganz außen zu fahren. In einem längeren Tunnel befand ich mich gerade in der Mitte, als am Eingang einer plötzlich die Melodie von Pippi Langstrumpf pfiff. Gänsehaut ... alle mussten Lachen und hatten bis oben nun wohl den gleichen Ohrwurm.

Der Anstieg zog und zog sich. Kein Ende in Sicht. Anhalten war kein Thema, einfach treten, treten, treten. Das hatte fast schon etwas meditatives.


(Sportograf Foto)

Bisschen fertig sehe ich hier schon aus, war ich ehrlich gesagt auch irgendwann. Logisch! Aber einen richtigen Einbruch hatte ich zum Glück nicht zu verzeichnen. Also alles richtig gemacht bis hierhin. So langsam konnte man dann doch die Passhöhe erahnen, also weiter treten.

Oben angekommen gab es "große Gefühle". Keine Ahnung warum, aber es überkam mich derart, ich hätte fast nicht weiterfahren können. Hatte ich so noch nie!!! Aber irgendwie war ich wohl schon sehr froh das geschafft zu haben. Eigentlich etwas zu früh, denn es gab ja noch zwei Pässe zu besiegen. Also war zusammenreißen angesagt, die Träne im Auge wurde weggedrückt!

Zu den Fakten Insgesamt benötigte ich für den Anstieg 1 h 4 min und 46 sec. Das entsprach Platz 1905. Die Gesamtfahrzeit war oben 5 h 22 min. Der Sieger der Runde war jetzt schon fast eine Stunde im Ziel und hatte den Giau ungefähr doppelt so schnell erklommen. Wahnsinn!!!

Schnell noch ein paar Bilder gemacht und dann ging es in die lange Abfahrt.

Die Lenkerkamera kam in fast allen Abfahrten kurz zum Einsatz, ich bin nicht sicher, welche Abfahrt das hier war, aber schaut es euch trotzdem mal an.

Hier hatte man nun wirklich genug Platz zum Abfahren. Aber die Länge und die vielen Kurven mit den erforderlichen Anbremsmanövern erforderten volle Konzentration. Der Straßenbelag war gut, ok ein paar Risse gibt es schon.

Ich war gerade durch eine Serpentine durch und beschleunigte kurz, da gab es oberhalb einen Knall, der wie ein Schuss klang. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie ein Fahrer in die Kurve driftete und sogleich die Kontrolle über sein Rad verlor. Das nächste was ich hörte, war das Kratzen des Rades über den Asphalt. Ich nehme an er hat zu viel und zu lang gebremst, dadurch heizte sich die Felge stark auf, was einen Reifenplatzer zur Folge hatte. Und das direkt beim Einlenken in die Kurve... keine Chance!!! Ich hoffe ihm ist nicht zu viel passiert. Ich war schon zu schnell, um nochmal anzuhalten. Zudem waren genug Leute unterwegs.

Etwas weiter unten wurden ebenfalls gelbe Flaggen geschwenkt, um auf eine Gefahrenstelle hinzuweisen. Auch hier war wohl jemand gestürzt. Da fehlte offenbar einigen schon die Kraft zum sicheren Abfahren.

Unten angekommen standen die beiden letzten Pässe auf dem Programm. Der Passo Falzarego und der Passo Valparola. Zusammen ergaben sie nochmal 665 hm auf 11,5 km mit 5,8 %, die Passhöhen liegen auf 2117 m und auf 2200m. Eigentlich kann man den sicher gut fahren, aber mit dem Vorprogramm in den Beinen tat das schon noch mal weh! Also wieder erster Gang und hinauf.

Am Falzarego gab es eine letzte Labestation. Die war auch nötig, ich hatte auf dem Giau nicht mehr getankt und war schon fast auf dem Trockenen. Wieder lecker Kuchen, Waffeln, ein Becher Cola und Wasser in die Flaschen. Die letzten gut 80 hm bis zum Falzarego zogen sich noch mal richtig übel. Aber auch das war irgendwann vorbei.

Die letzte lange Abfahrt hat dann richtig Spaß gemacht. Je weiter man hinunter kam desto gerader wurde die Strecke. Man konnte es einfach richtig rollen lassen. Ein paar Flachstücke wurden noch mal weggedrückt und bald war der Startort La Villa wieder in Sicht. Hier kamen dann schon recht viele Fahrer den Berg hinauf entgegen, sie waren auf dem Weg zu ihren Unterkünften. War aber nicht gefährlich, man hatte einen Teil der Straße dafür abgetrennt.

Das Ziel lag dann in Corvara, das heißt man musste von La Villa dann noch ca. 5 km das Tal hinauf. Zu unserem Pech herrschte hier ein recht starker Gegenwind und so bildeten sich recht viele kleine Gruppen. Ich drückte nochmal drauf und hatte im Nu eine Gruppe Italiener im Windschatten dranhängen. Ganz allein wollte ich dann aber auch nicht arbeiten und ließ die Herren auch mal vor. Da ging dann aber nicht mehr viel und ich bin nach kurzer Zeit wieder nach vorn gefahren.

Die Einfahrt nach Corvara war beeindruckend. Viele Menschen, alle am Jubeln, Schreien, Anfeuern und Klatschen. Eine geniale Stimmung.


(Sportograf Foto)

Es war geschafft, ich war im ZIEL!!! Was war ich froh!!!

Platz 2232 bei den Männern auf der großen Runde, Platz 257 in meiner Altersklasse. Die Fahrzeit betrug 7 h 17 min und 8 sec. Ich war kurz enttäuscht, weil ich nicht unter 7 Stunden geblieben war. Aber das verflog schnell. Dafür hätte ich in den Anstiegen mehr riskieren müssen, mit der Gefahr zu überziehen und das war es was ich unter allen Umständen vermeiden wollte. Und auch in den Abfahrten hab ich Zeit verloren, aber dafür brauch ich in jedem Fall mehr Übung.

Gleich nach dem Zieleinlauf bekommt man die Startnummer am Lenker (da ist der Transponder für die Zeitmessung drin) wieder abgenommen und eine Medaille umgehängt. Dann wühlt man sich durch bis zum Eisstadion, aus dem ein Höllenlärm drang. Ein Blick hinein ergab den Grund. Tausende Italiener an großen Tischen und alle wieder am Schreien und Gestikulieren, da hatte sich einiges angestaut . Was für ein Schauspiel. Es gab Nudeln, Steaks, Bratwürste... alles im Preis enthalten. Man hatte dafür Gutscheine bekommen. Nur wohin mit dem Rad? Rein in die Halle hielt ich für keine gute Idee. Zum Glück traf ich ein bekanntes Gesicht aus dem Team und so konnte ich kurz darauf auch die anderen finden und dort das Rad abstellen. Dann rein ins Gewühl und einen Teller Nudeln geholt, die waren lecker!!!

Eine Windweste gab es auch noch, die musste an einem Stand gegen Vorlage des Gutscheins abgeholt werden. Nur war dieser Stand von hunderten Italienern umzingelt die alle auf die armen Frauen einschrieen . Muss man erlebt haben, kann man nicht beschreiben!

Nach dem Essen wieder rauf aufs Rad, zurück durch die Menschenmassen und ab nach Colfosco. Im Schneckentempo, denn wie schon erwähnt liegt Colfosco etwas oberhalb von Corvara. Aber egal, nach einer langen Dusche sah alles schon wieder besser aus. So langsam kamen alle wieder an. Jeder hatte viel zu erzählen, alle wollte wissen welche Zeit die anderen hatten. Die Meisten waren zufrieden, alle waren gesund durchgekommen!

In der Teamwertung hatten wir den zweiten Platz gemacht, der Preis war ein Rennrad von Pinarello. Tolle Sache!

Zum Essen gingen wir alle nochmal in die Pizzeria vom Vorabend. Wieder einige neue Gesichter, wieder viele gute Gespräche. Die Münchner sind schon ein nettes Volk. Zumindest die, die hier zugegen waren. Hat mich sehr gefreut, die alle kennen zu lernen.

Geschlafen hab ich nach dieser Runde wie ein Stein, am Morgen nochmal das bekannte Frühstück, den Wirt bezahlt und zur Verabschiedung nochmal rüber ins Garni Reutlingen.

In Corvara sammelte ich meinen Mitfahrer aus Karlsruhe wieder ein. Auch ihm ging es gut und er war fast eine Stunde schneller unterwegs gewesen als ich. Respekt!

Wieder zu Hause war ich noch wie im Rausch, so ein Erlebnis verarbeitet man nicht so schnell. Zum Glück!!!! Vergessen werde ich es ohnehin nie! Eine erneute Teilnahme ist nicht auszuschließen, aber es gibt ja auch noch so viele andere Veranstaltungen, die sich lohnen würden. Hauptsache es gibt genug Berge .

 

Wie befürchtet ist dieser Bericht wieder ziemlich lang geworden. Deshalb bedanke ich mich um so mehr für euer Interesse, sofern ihr bis hierhin durchgehalten habt. Zur Belohnung gibt es noch ein paar Videos von der Lenkerkamera und Bilder von den Profifotografen von Sportograf, die man käuflich erwerben konnte zusammen mit den eigenen Bildern.

Über ein kurzes Feedback im Gästebuch würde ich mich sehr freuen!!!